Mit ihrem Motto „Grenzen und Übergänge“ beschreibt die 5. Österreichische Citizen Science Konferenz in Obergurgl auch die Vegetationszonen der umliegenden Alpenlandschaft. Foto: Wiebke Brink / WiD Array

Mit ihrem Motto „Grenzen und Übergänge“ beschreibt die 5. Österreichische Citizen Science Konferenz in Obergurgl auch die Vegetationszonen der umliegenden Alpenlandschaft. Foto: Wiebke Brink / WiD

Beim Landeanflug auf Innsbruck stellt sich bei mir tatsächlich ein leichtes Urlaubsgefühl ein. Mit dem Auto geht es weiter nach Obergurgl. Wir schrauben uns über die Inntal-Autobahn hoch bis auf rund 2000 Meter, genießen dabei das wahnsinnig schöne Gebirgspanorama und freuen uns insgeheim auch ein wenig, der Hitze in Berlin entkommen zu sein. Wir sind auf dem Weg zur Österreichischen Citizen Science Konferenz, die vom 26. bis 28. Juni im Universitätszentrum Obergurgl stattfindet. Mitorganisatoren sind die Universität Innsbruck und Österreich forscht. Das Motto lautet „Grenzen und Übergänge“.

Es umschreibt nicht nur die Gegebenheiten vor Ort, die von Schneegrenze, Vegetationsgrenze, Staatsgrenze geprägt werden, sondern auch die Themen und Herausforderungen, die im Zusammenhang mit Citizen Science aktuell diskutiert werden. Auch da geht es um vielerlei Grenzen.

So berichten Daniel Dörler und Florian Heigl (Österreich forscht) darüber, welch intensive Diskussionen ihr vor kurzem veröffentlichtes Paper „Opinion: Toward an international definition of citizen science“ in der internationalen Community verursacht hat, weil sie darin den Versuch unternehmen, Citizen Science über konkrete Qualitätskriterien zu definieren. Und damit scheinbar eine Grenze überschritten haben. Im Gegensatz dazu würden diese Kriterien von der Citizen-Science-Community in Österreich nicht als ein- oder ausgrenzend empfunden, so Dörler und Heigl, sondern eher als Übergangslinie, im Sinne von da wollen und müssen wir landen, um Citizen Science weiterentwickeln zu können.

Wichtig ist dabei auch, über den zukünftigen Status von Citizen Science in der Wissenschaft nachzudenken. Katrin Vohland (Museum für Naturkunde Berlin) weist darauf hin, dass Citizen-Science-Projekte oft in Bereichen wie Kommunikation und Transfer angedockt seien und noch zu selten unter „Science“ laufen würden. Ihre Sorge ist, dass damit nicht nur ein Mangel an fachlicher, sondern auch an finanzieller Wertschätzung einhergehen könne. Dass Grenzen auch etwas Positives sein können, betont Susanne Hecker (Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung| Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) (Halle-Jena-Leipzig) in ihrer Eröffnungskeynote. Sie plädiert dafür, die Diskussion um die Definition von Citizen Science zu führen – nicht um auszugrenzen, sondern um Identität zu schaffen und damit wirklich die Chance zur Weiterentwicklung zu haben. Im zweiten Teil ihrer Keynote lernen wir dann den Wissenschaftler Hans kennen, der seit kurzem an seine ganz persönlichen Grenzen stößt. Er illustriert den Wandel in der Wissenschaftskommunikation vom Defizitmodell hin zum Public Engagement, hier in Form von Citizen Science. Dabei zeigt er, mit welchen Veränderungen er konfrontiert ist – hinsichtlich der eigenen Rolle, Aufgaben, Fähigkeiten und Erwartungshaltungen. Klar wird: tiefgreifende Prozesse wie dieser Wandel im Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft brauchen auf allen Ebenen selbstkritische Auseinandersetzung und damit vor allem Zeit, um einen neuen Rahmen zu finden.

Nach den Eröffnungsvorträgen geht es in die ersten Sessions. Das Programm ist vielfältig und bietet neben Einblicken in konkrete Projekte und Forschungsarbeiten zu Citizen Science auch Workshops zu verschiedenen Themen wie Visual Storytelling oder Faire Daten. In einer vertrauensvollen und offenen Atmosphäre berichten Projektinitiatorinnen und Projektinitiatoren auch darüber, was nicht funktioniert hat, woran sie zunächst gescheitert sind, um dann ihr Projekt noch einmal zu überdenken. So war in einem Biodiversitätsmonitoring-Projekt die Aufgabe zu anspruchslos, in einem linguistischen Projekt sorgte die geplante Rollenverteilung für Irritationen und in einem anderen Projekt konnte die Frage, ob die gesammelten Daten tatsächlich brauchbar sind, noch nicht abschließend beantwortet werden.

Auch hier klingt durch, dass die Durchführung eines Citizen-Science-Projekts viele neue Aufgaben mit sich bringt. Oft ist man nicht nur Forscher, sondern auch Kommunikator, Prozessbegleiter und Projektmanager in Personalunion. Und: Es braucht Zeit, um Prozesse justieren zu können, egal ob in Bezug auf die Datenqualität oder die Zusammenarbeit. Die Diskussionen sind konstruktiv, die Stimmung ist sehr positiv. Immer wieder muss ich mir zwischendurch ein paar österreichische Wörter aufschreiben: Einschulung für Einführung gefällt mir besonders gut. Zum Abschluss des ersten Tages feiern wir den fünften Geburtstag der Citizen-Science-Konferenz Österreich mit einer riesigen Überraschungstorte mit, na klar, Feuerwerksfontänen.

Am zweiten Tag finde ich die Vorstellung des Projekts D-Noses besonders spannend, da dort konkrete Kooperationen zwischen Bürgerforschenden, Wissenschaft und „geruchsproduzierenden Betrieben“ geplant werden. In zwei weiteren Vorträgen geht es um die Finanzierung, um mögliche Fördermodelle für Citizen Science und um das Thema Datenschutz. Diskutiert wird beispielsweise darüber, wie die Datenintegrität gewährleistet werden kann, also die gesammelten Datensätze für die Forschung erhalten bleiben können, wenn etwa ein Bürgerforscher die Löschung seines Accounts in einer App wünscht. Wichtige Fragen, die wir auch bei einem Workshop zu rechtlichen Rahmenbedingungen von Citizen Science im Museum für Naturkunde Berlin diskutiert haben und denen wir beim Forum Citizen Scienceim September in Münster wieder Raum geben werden.

Zwischen all den Gesprächen, Vorträgen und Sessions halten meine Kollegin Florence Mühlenbein und ich noch einen Workshop zu Kommunikationsstrategien im Crowdfunding, das durchaus auch ein Tool sein kann, um kleinere Aktionen in Citizen-Science-Projekten zu finanzieren. Wie und wann man Videos in Citizen-Science-Projekten sinnvoll einsetzen kann – und das mit überschaubarem Equipment, erläutert meine Kollegin Marina Wirth vom Projekt „Fast Forward Science“ in einem anderen Workshop.

Am späten Nachmittag, und da wird es wirklich zu bilderbuchmäßig, bimmeln und bummeln dann noch Kühe auf dem Weg zur nächsten Bergwiese am Universitätszentrum vorbei. Der Abend des zweiten Tages schließt mit einem Weltrekord und einer Premiere, nämlich dem höchstgelegenen Citizen-Science-Slam der Welt.

Für mich steht am nächsten Morgen noch das konstituierende Treffen der sogenannten D-A-CH-AG an, die einen engeren Austausch zwischen Koordinierenden, Plattformbetreibern und Interessierten der deutschsprachigen Citizen Science Community ermöglichen soll. Derzeit sind Vertreterinnen und Vertreter aus Deutschland, Österreich und der Schweiz mit dabei. Wir sprechen über unser Selbstverständnis, über mögliche gemeinsame Veranstaltungen und verabreden unser nächstes Treffen auf dem Forum Citizen Science in Münster. In der letzten Vortragssession „Wissen schaffen und vermitteln“, bei der unser Geschäftsführer Markus Weißkopf sich dem spannenden Thema Citizen Science zu einer wissenschaftsmündigen Gesellschaft widmet, kommen alle Teilnehmenden noch einmal zusammen. Dann steige ich in den Bus ins Tal, sage Tschüss Tirol und Danke an die Veranstalter für diese wirklich in vielerlei Hinsicht bereichernde Tagung und für das erneute Bewusstmachen, wie divers Citizen Science ist und aus wie vielen Perspektiven man die aktuellen Entwicklungen betrachten kann und muss!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.